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Seltene Erden: Warum resiliente Lieferketten jetzt entscheidend sind

Interview mit Jan Menssing, Geschäftsführer der MCC – Menssing Chemiehandel & Consultants GmbH

Die globalen Märkte für Seltene Erden stehen zunehmend unter geopolitischem Druck. Steigende Nachfrage in China, selektivere Exportpolitiken und strukturelle Abhängigkeiten stellen Industrieunternehmen vor neue Herausforderungen. Im Gespräch erläutert Jan Menssing, Geschäftsführer der MCC – Menssing Chemiehandel & Consultants GmbH, warum sich der Markt grundlegend verändert hat und welche Rolle Distributoren heute bei der Sicherung kritischer Rohstoffe spielen.

Der Markt für Seltene Erden ist kein normaler Rohstoffmarkt mehr

Herr Menssing, wie bewerten Sie die aktuelle Marktsituation bei Seltenen Erden?

Wenn wir heute auf den Markt für Seltene Erden blicken, sehen wir keinen klassischen Rohstoffmarkt mehr, sondern einen strategisch geprägten Engpass. Die Verfügbarkeit wird zunehmend nicht nur durch Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern auch durch industriepolitische Entscheidungen. China nutzt seine starke Position entlang der gesamten Wertschöpfungskette gezielt — sowohl bei den Rohstoffen selbst als auch bei verarbeiteten Upstream- und Downstream-Produkten. Für international aufgestellte Industrien rückt damit das Thema Lieferkettenresilienz klar in den Mittelpunkt.

Steigender Binnenbedarf in China erhöht den Druck auf globale Lieferketten

Welche strukturellen Veränderungen beobachten Sie aktuell?

Der Binnenbedarf in China ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, während die Exportpolitik selektiver geworden ist. Für viele Industrien bedeutet das eine wachsende Unsicherheit bei der langfristigen Versorgung mit kritischen Materialien. Besonders bei Magnetmaterialien und weiterverarbeiteten Produkten besteht kurzfristig weiterhin eine hohe Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten.

Lehren aus der Seltene-Erden-Krise 2010 nur teilweise umgesetzt

Wurden aus Ihrer Sicht die richtigen Schlüsse gezogen?

Leider nur teilweise. Nach der Krise von 2010 normalisierte sich die Situation relativ schnell, wodurch der Handlungsdruck wieder nachließ. Die damals diskutierte Diversifizierung in Richtung USA oder Australien wurde nicht konsequent umgesetzt – vor allem aufgrund höherer Kosten außerhalb Chinas. Heute sehen wir erneut, wie strukturelle Abhängigkeiten zu Versorgungsrisiken führen können.

Internationale Rohstoffstrategien: Japan und Südkorea als Vorbilder

Wie bewerten Sie die internationalen Ansätze?

Länder wie Japan mit der Japan Organization for Metals and Energy Security (JOGMEC) oder Südkorea mit der Korea Resources Corporation (KORES) haben früh staatliche Instrumente zur Rohstoffsicherung aufgebaut. Diese Modelle unterstützen Unternehmen aktiv bei der Diversifizierung und reduzieren Versorgungsrisiken. Eine vergleichbar langfristig ausgerichtete Rohstoffarchitektur ist in Deutschland bislang nur begrenzt vorhanden.

Rolle von MCC: Proaktive Versorgungssicherung für Kunden

Was bedeutet diese Entwicklung konkret für MCC?

Für uns als Distributor verlagert sich ein wachsender Teil der Versorgungssicherungsfunktion in unsere Verantwortung. Unsere Kunden erwarten hohe Lieferstabilität — und genau hier setzen wir an. Wir beobachten Märkte und Ursprungsländer sehr eng und bauen Bestände frühzeitig auf, um Lieferfähigkeit auch in volatilen Marktphasen sicherzustellen.

Höheres Working Capital als Preis für Resilienz

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat diese Strategie?

Die proaktive Lagerhaltung führt insbesondere bei hochpreisigen Materialien zu einem deutlich erhöhten Working-Capital-Bedarf und längeren Kapitalbindungszeiten. Distributoren übernehmen damit zunehmend eine wichtige Resilienzfunktion innerhalb der Lieferkette — häufig mit erheblichem finanziellem Vorlauf.

Diversifizierung ist möglich — aber wirtschaftlich anspruchsvoll

Wie realistisch ist eine echte Diversifizierung?

Technisch ist Diversifizierung durchaus möglich — über neue Minen, Recycling oder europäische Projekte. Wirtschaftlich stehen viele dieser Ansätze jedoch noch unter Druck. Entscheidend wird sein, wie Industrie, Finanzierungspartner und Politik künftig zusammenarbeiten, um alternative Lieferketten nachhaltig tragfähig zu machen.

Mut und Innovationskraft sind jetzt gefragt

Ihr Fazit, Herr Menssing?

Deutschland war immer dann besonders stark, wenn Mut und Innovationskraft zusammengekommen sind. Genau diese Entschlossenheit brauchen wir heute wieder. Resiliente Lieferketten entstehen nicht durch Abwarten, sondern durch frühzeitige Investitionen, strategische Partnerschaften und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

Über MCC – Menssing Chemiehandel & Consultants GmbH

MCC unterstützt Industrieunternehmen bei der strategischen Beschaffung und Absicherung kritischer Rohstoffe und Spezialchemikalien. Der Fokus liegt auf Markttransparenz, belastbaren Lieferketten und proaktiven Bestandsstrategien.

Das Interview finden Sie auch hier in der NDR Mediathek.